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BFSG Online-Shop: Was Betreiber jetzt tun müssen

Ihr Online-Shop muss seit Juni 2025 barrierefrei sein. Kontrollen laufen, Abmahnungen steigen. Pflichten, Plattform-Tipps und konkrete nächste Schritte.

Marc Schraepler von Gerlach

Marc Schraepler von Gerlach

· barrierefreie-agenturen.de

Pflichten, Fristen und die häufigsten Lücken im Shop

Kurzantwort: Ein an Verbraucher gerichteter Online-Shop fällt grundsätzlich als Dienstleistung im elektronischen Geschäftsverkehr in den Anwendungsbereich des BFSG. Geprüft werden muss die gesamte Kaufstrecke – einschließlich Suche, Produktwahl, Warenkorb, Checkout, Authentifizierung und Zahlungsinformationen.

Auf einen Blick:

  • Pflicht: Jeder B2C-Online-Shop muss seit dem 28.06.2025 barrierefrei sein. Keine Übergangsfrist für E-Commerce.
  • Ausnahme: Kleinstunternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten und höchstens 2 Mio. € Jahresumsatz oder Jahresbilanzsumme sind bei der Dienstleistung befreit.
  • Kontrollen: Die Marktüberwachungsstelle MLBF ist seit September 2025 tätig und prüft seit Ende Januar 2026 zusätzlich nach beschlossenen Marktüberwachungsstrategien.
  • Risiko: Bußgelder bis 100.000 € (§ 37 BFSG). Dazu kommen private Abmahnungen, deren Rechtsgrundlage gerichtlich noch nicht geklärt ist.
  • Einstieg: Audit beauftragen → kritische Pfade (Checkout, Navigation) zuerst fixen → Kosten ab 2.500 €.

Wo steht Ihr Shop heute? Der kostenlose Barrierefreiheits-Check prüft eine Seite Ihres Shops auf technische WCAG-Probleme in Desktop- und Mobile-Ansicht. Das Ergebnis liefert eine erste Priorisierung, ersetzt aber keinen manuellen Test der vollständigen Kaufstrecke.

Warum fällt Ihr Online-Shop unter das BFSG?

Das BFSG stuft jeden Online-Shop, der Produkte oder Dienstleistungen an Verbraucher verkauft, als „Dienstleistung im elektronischen Geschäftsverkehr” ein. Dabei ist es unerheblich, was Sie verkaufen. Entscheidend ist, dass Sie an Endkunden verkaufen.

Die gesamte Customer Journey ist betroffen. Nicht nur der Kaufabschluss. Von der Produktsuche über den Warenkorb bis zur Bestellbestätigung muss jeder Schritt barrierefrei funktionieren.

Wenn Sie auch nur teilweise an Privatpersonen verkaufen: Ihr Shop fällt unter das BFSG. Bei hybriden B2B/B2C-Shops gilt das Gesetz für den gesamten Shop. Mehr zur Abgrenzung unter BFSG-Pflicht: Bin ich betroffen?.

Gilt die Kleinstunternehmen-Ausnahme für meinen Shop?

Die Befreiung greift, wenn Sie weniger als 10 Beschäftigte haben und entweder der Jahresumsatz oder die Jahresbilanzsumme höchstens 2 Mio. € beträgt.

Achtung: Die Ausnahme gilt nur für die Dienstleistung „Online-Shop”. Wenn Sie gleichzeitig BFSG-relevante Produkte herstellen oder importieren (z. B. Smartphones, E-Book-Reader, Computer), müssen diese Produkte trotzdem barrierefrei sein.

Wenn Sie knapp unter der Grenze liegen: Dokumentieren Sie Ihren Status sorgfältig. Die Beweislast liegt bei Ihnen, falls die Behörde prüft.

Wo entstehen die meisten Barrieren?

Vier Bereiche verursachen in Online-Shops die häufigsten Probleme:

Checkout und Zahlungsformulare

Der kritischste Punkt. Wenn ein Screenreader den Warenkorbinhalt nicht vorlesen kann oder Fehlermeldungen nur durch rote Farbe markiert werden, bricht der Kauf ab. Alle Formularfelder brauchen klare Labels, nicht nur Platzhalter-Text.

Zahlungs-Gateways (PayPal, Stripe, Klarna) müssen so eingebunden sein, dass der Nutzer nicht in einer Tastaturfalle steckenbleibt. Der Fokus muss flüssig vom Shop zum Zahlungsanbieter und zurück geführt werden.

Filterfunktionen und Suche

Filter für Größe, Farbe oder Preis sind oft nur mit der Maus bedienbar. Das BFSG verlangt, dass diese auch per Tastatur (Tab-Taste) gesetzt und entfernt werden können.

Wenn sich Suchergebnisse dynamisch aktualisieren (AJAX): Der Screenreader muss darüber informiert werden. Ohne diese Ankündigung weiß ein blinder Nutzer nicht, dass sich etwas geändert hat.

Produktbilder und Alt-Texte

Auch Dokumente gehören dazu, wenn sie Teil der Bestellung sind – Rechnungen, AGB, Widerrufsformulare. Wie Sie die barrierefrei erzeugen, steht unter Barrierefreie PDFs.

Jedes informative Produktbild braucht einen beschreibenden Alt-Text. „IMG_4523.jpg” reicht nicht. Sinnvoll: „Dunkelblaues Herrenhemd aus Bio-Baumwolle, Slim-Fit, Stehkragen.”

Unsere Empfehlung: Beginnen Sie mit Ihren 20 meistverkauften Produkten. Bei großen Katalogen können KI-gestützte Tools die Erstbefüllung beschleunigen, aber eine manuelle Qualitätskontrolle bleibt Pflicht.

Die komplette Navigation muss per Tastatur erreichbar sein. Mega-Menüs, Flyout-Menüs und modale Fenster sind häufige Problemstellen: Der Fokus springt unkontrolliert oder lässt sich nicht zurückführen.

Plattform-Check: Wie steht Ihr Shopsystem da?

Shopsystem Barrierefreiheits-Status Handlungsbedarf
Shopify Gute Basis, viele OS-2.0-Themes bereits barrierearm Apps + manuelle Theme-Anpassungen (Liquid) nötig
WooCommerce Stark abhängig von Theme und Plugins Barrierefreies Theme wählen, jedes Plugin prüfen
Shopware Version 6.7 hat viele Features direkt im Kern Update auf 6.7 ist oft der schnellste Weg
Magento Standard-Frontend (Luma) veraltet, viele WCAG-Verstöße Hyvä-Theme als moderne, barrierefreie Alternative

Gemessen relativiert sich das Bild. Die WebAIM Million vom Februar 2026 fand auf Shopify-Startseiten im Schnitt 75,1 automatisch erkennbare Fehler und auf Magento-Startseiten 75,8 – beide rund ein Drittel über dem Gesamtdurchschnitt von 56,1. Eine gute Theme-Grundlage ist also kein Beleg dafür, dass die tatsächlich ausgelieferten Shops barrierefrei sind. Die vollständige Aufschlüsselung nach System steht im Ratgeber Welches CMS ist barrierefrei.

Welcher Weg passt zu Ihrer Situation?

Wenn Sie Shopify nutzen: Die Plattform liefert eine solide Grundlage. Prüfen Sie Ihr Theme auf Tastaturnavigation und Fokus-Management im Warenkorb. Overlay-Apps sind kein Ersatz für strukturelle Anpassungen.

Wenn Sie WooCommerce nutzen: Hier liegt das größte Risiko in der Plugin-Fragmentierung. Jedes installierte Plugin kann neue Barrieren erzeugen. Besonders Page-Builder wie Elementor oder Divi produzieren oft nicht-semantischen Code. Mehr dazu unter WordPress & BFSG.

Wenn Sie Shopware nutzen: Ein Update auf Version 6.7 aktiviert die meisten Barrierefreiheits-Features automatisch. Wer noch auf 6.6 arbeitet, kann einzelne Funktionen über Feature-Flags freischalten.

Wenn Sie Magento nutzen: Ohne das Hyvä-Theme ist der Aufwand erheblich. Luma bringt zu viele strukturelle WCAG-Probleme mit. Planen Sie ein Theme-Upgrade ein, wenn Sie auf Magento bleiben.

Bußgelder und Abmahnungen: Das Risiko ist konkret

Eine Schonfrist gab es nie: Das BFSG gilt seit dem 28. Juni 2025. Die Marktüberwachungsstelle MLBF in Magdeburg ist seit September 2025 tätig und prüft seit Ende Januar 2026 zusätzlich nach beschlossenen Marktüberwachungsstrategien, teils stichprobenartig, teils auf Hinweise von Verbrauchern oder Verbänden.

Risiko Konsequenz
Behördliches Bußgeld Bis 100.000 €
Untersagung Nach erfolglosen Fristen kann die Behörde das Angebot untersagen (§ 30 Abs. 3 und 4)
Private Abmahnung (UWG) Kosten laut Schreiben; belastbare Durchschnittsbeträge sind nicht belegt

Zur aktuellen Lage: Seit Sommer 2025 berichten Fachkanzleien über Abmahnungen gegen Online-Shops. Ob BFSG-Verstöße nach UWG abmahnfähig sind, ist gerichtlich nicht geklärt; uns ist keine veröffentlichte Entscheidung bekannt. Forderungshöhen einzelner Wellen können wir nicht an einer Primärquelle belegen und nennen sie deshalb nicht. Trotzdem: Ignorieren sollten Sie eine Abmahnung nicht. Details und Handlungsempfehlungen unter BFSG-Abmahnung: Was tun?.

Unsere Empfehlung: Investieren Sie in Konformität statt in Rechtsanwälte. Ein Audit plus die kritischsten Fixes kosten nach unserer Marktübersicht 2.000–5.000 €.

In drei Schritten zur BFSG-Konformität

Schritt 1: Audit beauftragen. Automatisierte Tools (WAVE, Lighthouse) finden je nach Studie und Werkzeug nur etwa 17 bis 57 % der Barrieren. Ein Experten-Audit mit manueller Prüfung zeigt, wo Ihr Shop wirklich steht. Was ein Audit kostet →

Schritt 2: Kritische Pfade zuerst. Priorisieren Sie: Checkout → Navigation und Suche → Produktdetailseiten. Damit ist der Kaufpfad abgesichert, bevor Sie sich um Sekundärseiten kümmern.

Schritt 3: Barrierefreiheitserklärung veröffentlichen. Das BFSG verlangt nach § 14 Abs. 1 Nr. 2 in Verbindung mit Anlage 3 Informationen, die beschreiben, wie Ihr Shop die Barrierefreiheitsanforderungen erfüllt, in barrierefreier Form. Ein Kontaktweg, über den Nutzer Probleme melden können, ist sinnvoll, auch wenn Anlage 3 ihn nicht ausdrücklich verlangt.

Aktuelle Daten aus dem DACH-E-Commerce

Der BFSG-Index 2026 untersucht 184 technisch erfolgreich ausgewertete Startseiten reichweitenstarker B2C-E-Commerce-Angebote. Alle wiesen mindestens einen automatisiert bestätigten Error gegen WCAG 2.1 AA auf. Die Studie veröffentlicht Methodik, Limitationen, Grafiken und den aggregierten Datensatz offen – sie ersetzt kein vollständiges manuelles Audit und erlaubt keine Aussage, dass ein Shop insgesamt nicht barrierefrei sei.

Häufige Fragen

Reicht ein Barrierefreiheits-Widget oder Overlay aus?

Nein. Widgets können einzelne Komfortfunktionen bieten (z. B. Kontrastumschalter), aber sie beheben keine strukturellen Mängel im Code. Fehlende Alt-Texte, nicht-navigierbare Formulare oder falsche Fokus-Reihenfolgen bleiben bestehen. Die Überwachungsstellen des Bundes und der Länder halten fest, dass ein Overlay eine nicht barrierefreie Website nicht barrierefrei macht. Ihre Einschätzung gilt öffentlichen Stellen, die technische Begründung aber genauso für Shops. Mehr unter Overlay-Tools.

Gilt das BFSG auch für reine B2B-Shops?

Grundsätzlich nicht. Das Gesetz richtet sich an Dienstleistungen gegenüber Verbrauchern. Aber: Sobald Ihr Shop auch Bereiche hat, die Privatpersonen nutzen können (Karriereseite, öffentlicher Support, Stellenanzeigen), greift die Pflicht. Viele B2B-Unternehmen setzen die Vorgaben dennoch um, weil Einkäufer von verpflichteten Unternehmen Barrierefreiheit zunehmend als Compliance-Kriterium fordern.

Brauche ich eine Barrierefreiheitserklärung für meinen Shop?

Ja. Anlage 3 BFSG verlangt eine allgemeine Beschreibung der Dienstleistung, Erläuterungen zu ihrer Durchführung, eine Beschreibung, wie Ihr Shop die Anforderungen erfüllt, und die Angabe der zuständigen Marktüberwachungsbehörde. Ein Feedback-Kontakt ist empfehlenswert, aber nicht ausdrücklich vorgeschrieben. Was genau rein muss, steht im Ratgeber Barrierefreiheitserklärung erstellen.

Was passiert, wenn ich eine BFSG-Abmahnung erhalte?

Nicht zahlen, nicht ignorieren. Lassen Sie die Abmahnung von einem Fachanwalt prüfen. Viele der aktuell kursierenden Abmahnungen sind formfehlerhaft oder stammen von Absendern ohne echtes Wettbewerbsverhältnis. Gleichzeitig sollten Sie die Gelegenheit nutzen, Ihren Shop tatsächlich auf Barrierefreiheit zu prüfen. Mehr dazu unter BFSG-Abmahnung: Was tun?.

Quellen und Stand

Stand: 25. September 2026. Der konkrete Anwendungsbereich und der Umgang mit einer Abmahnung müssen im Einzelfall rechtlich geprüft werden.

Rechtlicher Hinweis: Die auf barrierefreie-agenturen.de bereitgestellten Inhalte dienen der allgemeinen Information über das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG). Sie stellen keine Rechtsberatung dar und können eine individuelle juristische Prüfung nicht ersetzen. Trotz sorgfältiger Recherche übernehmen wir keine Gewähr für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der bereitgestellten Informationen.