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Welches CMS ist barrierefrei? Gemessene Daten

TYPO3, Joomla, Drupal, WordPress und die Baukästen im Vergleich — mit den gemessenen Fehlerzahlen der WebAIM Million 2026 und der Frage, die fast nie gestellt wird: Ist auch die Redaktionsoberfläche bedienbar?

Marc Schraepler von Gerlach

Marc Schraepler von Gerlach

· barrierefreie-agenturen.de

Welches CMS ist barrierefrei?

Kurzantwort: Keines — und alle. Kein System liefert Barrierefreiheit automatisch, und mit jedem verbreiteten System lässt sie sich erreichen. Die gemessenen Unterschiede zwischen den Systemen sind real, aber kleiner als der Unterschied zwischen zwei Websites im selben System.

Auf einen Blick:

  • Gemessen liegt die Spanne zwischen 29,9 und 106,5 Fehlern je Startseite (WebAIM Million, Februar 2026) — jeder Wert weit über null.
  • Die Zahlen messen Websites, nicht Systeme. Wer ein System wählt, wählt auch dessen typische Nutzergruppe mit.
  • Die wichtigere Frage stellt fast niemand: Ist die Redaktionsoberfläche bedienbar? Joomla sagt ja, TYPO3 sagt ausdrücklich nein.
  • Baukästen schneiden gemessen gut ab — Squarespace und Wix liegen rund 41 % unter dem Durchschnitt.
  • Shop-Systeme schneiden schlecht ab, Shopify 34 % über dem Durchschnitt.

Was die Messung hergibt

Die WebAIM Million untersucht seit acht Jahren die Startseiten der laut Tranco-Ranking eine Million meistbesuchten Websites. Die Auswertung vom Februar 2026 fand im Schnitt 56,1 automatisch erkennbare Fehler je Startseite; auf 95,9 % der Seiten wurden WCAG-Verstöße festgestellt.

Aufgeschlüsselt nach erkanntem CMS:

System Startseiten Ø Fehler zum Durchschnitt
Adobe Experience Manager 6.572 29,9 −46,7 %
Squarespace 2.669 33,0 −41,2 %
Wix 3.183 33,3 −40,6 %
HubSpot CMS 4.237 35,1 −37,4 %
TYPO3 5.371 38,5 −31,3 %
Drupal 18.222 41,2 −26,5 %
Joomla 3.981 45,7 −18,6 %
WordPress 252.302 52,8 −5,8 %
1C-Bitrix 8.769 106,5 +89,8 %

Und nach Shop-System:

System Startseiten Ø Fehler zum Durchschnitt
Shopify 42.516 75,1 +33,9 %
Magento 7.996 75,8 +35,0 %
PrestaShop 5.044 143,2 +155,3 %

Drei Dinge muss man dazu wissen, sonst liest man die Tabelle falsch.

Erstens messen die Zahlen Websites, nicht Software. Wer Adobe Experience Manager einsetzt, ist typischerweise ein Konzern mit Budget für Barrierefreiheit. Wer WordPress einsetzt, ist alles. Der Systemunterschied und der Unterschied der Betreiber lassen sich in dieser Erhebung nicht trennen.

Zweitens ist das nur der automatisch erkennbare Teil. WebAIM sagt das selbst: Das Ausbleiben erkannter Fehler bedeutet keine Barrierefreiheit. Warum automatische Tests nur einen Bruchteil finden, steht im Ratgeber Barrierefreiheit testen.

Drittens ist kein Wert gut. Das beste System der Tabelle liegt bei knapp 30 Fehlern je Startseite. Die Wahl zwischen 38,5 und 52,8 Fehlern ist keine Wahl zwischen konform und nicht konform.

Die Frage, die fast niemand stellt

Ein CMS hat zwei Oberflächen: die Website für die Besucher und die Redaktionsoberfläche für die Menschen, die sie pflegen. Alle Diskussionen drehen sich um die erste. Die zweite entscheidet darüber, ob eine blinde Redakteurin bei Ihnen arbeiten kann.

Dafür gibt es einen eigenen Standard, die ATAG 2.0 (Authoring Tool Accessibility Guidelines). Teil A verlangt, dass das Werkzeug selbst bedienbar ist. Teil B verlangt, dass es beim Erzeugen barrierefreier Inhalte hilft — etwa indem es fehlende Alternativtexte anmahnt.

Die beiden großen europäischen Open-Source-Systeme sagen dazu bemerkenswert unterschiedliche Dinge, und zwar jeweils über sich selbst:

Joomla erklärt, mit Joomla 4 den WCAG 2.1 und ATAG 2.0 zu entsprechen, und schreibt ausdrücklich: Das Joomla-Backend gewährleistet volle Barrierefreiheit, jede Person könne damit Sites erstellen und pflegen. Einschränkung: Die Erklärung trägt den Stand 16. Dezember 2022.

TYPO3 schreibt über die eigene Redaktionsoberfläche wörtlich, die Benutzeroberfläche des Autorenwerkzeugs sei noch nicht barrierefrei; der erste Schwerpunkt liege auf der Tastaturbedienung. Das Frontend bewertet dasselbe Team als bereits heute barrierefrei umsetzbar.

Das ist die interessanteste Umkehrung in diesem Vergleich. TYPO3 liefert gemessen die besseren Websites, Joomla die nach eigener Aussage bessere Redaktionsoberfläche. Wer beides braucht, muss die Frage getrennt stellen.

Wenn Sie Menschen mit Behinderungen beschäftigen oder beschäftigen wollen: Fragen Sie vor der Systementscheidung nach der Bedienbarkeit des Backends mit Tastatur und Screenreader — und lassen Sie sie vorführen, nicht zusichern. Die Website können Sie später nachbessern; ein unbedienbares Redaktionssystem schließt Beschäftigte aus dem ersten Tag an aus.

Was das System wirklich vorgibt

Ein CMS entscheidet über drei Dinge, und über den Rest entscheiden Sie.

Das Template beziehungsweise Theme. Hier entsteht der weitaus größte Teil der Barrieren: Überschriftenhierarchie, Fokusdarstellung, Kontraste, Landmarks. Das ist Ausgabe-Code, kein Systemkern.

Der Editor. Ob ein Redakteur eine echte Überschriftenebene wählen kann oder nur fett formatiert, ob ein Alternativtext abgefragt wird, ob Tabellen Kopfzellen bekommen — das gibt der Editor vor und bestimmt die Qualität jedes künftigen Inhalts.

Die Erweiterungen. Jedes Plugin, jede Extension bringt eigenen Front-End-Code mit. Joomla sagt dazu klar, dass das Projekt für die Barrierefreiheit von Erweiterungen nicht verantwortlich ist. Für WordPress gilt dasselbe, dort im Detail beschrieben im Ratgeber WordPress-Plugins für Barrierefreiheit.

Alles andere liegt bei Ihnen: Inhalte, Alternativtexte, Linktexte, Formulare, eingebettete Fremdinhalte. Kein System schreibt einen guten Alternativtext.

Wenn Sie ein bestimmtes System einsetzen

Wenn Sie TYPO3 nutzen: Gemessen stehen Sie gut da. Prüfen Sie trotzdem das Default-Rendering — das Accessibility-Team nennt es selbst als Baustelle — und klären Sie die Backend-Frage, falls Redakteure mit Behinderungen arbeiten sollen.

Wenn Sie Joomla nutzen: Joomla 4 oder neuer ist die Voraussetzung für die zugesagte Basis; ältere Installationen fallen nicht darunter. Der Rest hängt an Template und Erweiterungen.

Wenn Sie WordPress nutzen: Der Durchschnitt liegt nur knapp unter dem Gesamtdurchschnitt, und das liegt an der Bandbreite. Theme und Plugins entscheiden — siehe barrierefreie WordPress-Themes und WordPress und BFSG.

Wenn Sie einen Baukasten nutzen (Wix, Squarespace, Jimdo): Die gemessenen Werte von Wix und Squarespace sind die zweit- und drittbesten der Tabelle. Der Preis dafür ist begrenzter Zugriff auf den ausgegebenen Code — was Sie nicht ändern können, können Sie auch nicht reparieren. Jimdo taucht in der Erhebung nicht mit einem eigenen Wert auf; für eine Aussage dazu fehlt uns eine belastbare Quelle.

Wenn Sie einen Shop betreiben: Die Shop-Systeme sind die schlechteste Gruppe der ganzen Erhebung. Das eigene Thema behandelt der Ratgeber BFSG im Online-Shop, für WooCommerce zusätzlich WooCommerce barrierefrei.

Wenn Sie Moodle an einer Hochschule betreiben: Dann ist die Systemfrage nachrangig. Hochschulen sind öffentliche Stellen und unterliegen der BITV 2.0 beziehungsweise dem Landesrecht — der Hebel liegt in der Beschaffung. Die BFIT-Bund hat ihren Leitfaden zum Vergabeprozess ausdrücklich am Beispiel der Hochschulen geschrieben; wie sich Barrierefreiheit dort verbindlich verlangen lässt, steht im Ratgeber Barrierefreiheit in der IT-Ausschreibung.

Lohnt ein Systemwechsel?

In den seltensten Fällen. Die gemessene Differenz zwischen WordPress und TYPO3 beträgt rund 14 Fehler je Startseite. Ein Theme-Wechsel oder eine überarbeitete Komponentenbibliothek im bestehenden System bewegt regelmäßig mehr — bei einem Bruchteil der Kosten und ohne Migrationsrisiko.

Unsere Empfehlung: Lassen Sie zuerst messen, wo Ihre Barrieren tatsächlich sitzen. Wenn sie im Template sitzen, tauschen Sie das Template. Wenn sie in den Inhalten sitzen, hilft kein Systemwechsel. Ein neues CMS ist nur dann die richtige Antwort, wenn die Redaktionsoberfläche Beschäftigte ausschließt oder das System ohnehin am Ende seines Lebenszyklus steht.

Häufige Fragen

Gibt es ein CMS, das BFSG-konform ist?

Nein, und ein Anbieter, der das verspricht, verspricht etwas, das er nicht liefern kann. Konformität ist eine Eigenschaft der fertigen Website, nicht der Software. Selbst Joomla, das für seine Basisinstallation eine WCAG-2.1-AA-taugliche Grundlage zusagt, formuliert ausdrücklich, dass es Sache der Umsetzenden bleibt, die Site am Ende barrierefrei zu halten.

Ist ein Baukasten wie Wix oder Squarespace eine gute Wahl für Barrierefreiheit?

Gemessen schneiden beide überdurchschnittlich ab — rund 41 % unter dem Fehlerdurchschnitt. Der Nachteil zeigt sich erst bei einem konkreten Befund: Wenn eine Barriere im ausgegebenen Code des Anbieters sitzt, können Sie sie nicht selbst beheben und sind auf dessen Zeitplan angewiesen. Für eine Website unter gesetzlicher Pflicht ist das ein Risiko, das man vorher kennen sollte.

Sind die WebAIM-Zahlen auf Deutschland übertragbar?

Nur eingeschränkt. Die Erhebung betrachtet die global meistbesuchten Startseiten, nicht den deutschsprachigen Markt, und sie testet ausschließlich Startseiten — nicht Checkout, Formulare oder Anmeldebereiche, wo die schwerwiegenderen Barrieren liegen. Als Größenordnung für den Systemvergleich sind sie die beste öffentlich verfügbare Quelle, als Aussage über eine einzelne Website taugen sie nicht.

Was ist ATAG und brauche ich das?

Die ATAG 2.0 ist die W3C-Richtlinie für Autorenwerkzeuge — also für das CMS-Backend, nicht für die Website. Gesetzlich verpflichtend ist sie in Deutschland nicht unmittelbar; praktisch relevant wird sie, sobald Menschen mit Behinderungen Inhalte pflegen sollen. Die BFIT-Bund führt sie in ihren Vergabe-Handreichungen als Referenzstandard, sie lässt sich also in Ausschreibungen verlangen.

Rechtlicher Hinweis: Die auf barrierefreie-agenturen.de bereitgestellten Inhalte dienen der allgemeinen Information über das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG). Sie stellen keine Rechtsberatung dar und können eine individuelle juristische Prüfung nicht ersetzen. Trotz sorgfältiger Recherche übernehmen wir keine Gewähr für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der bereitgestellten Informationen.