Zum Hauptinhalt springen
Marc Schraepler von Gerlach

Von Marc Schraepler von Gerlach ·

WordPress barrierefrei machen: Was Sie wissen müssen

Auf einen Blick:

  • WordPress-Core ist eine gute Basis. Die eigentlichen Probleme entstehen durch Themes, Plugins und Page Builder.
  • Theme-Wahl ist der größte Hebel. Ein Theme ohne semantisches HTML lässt sich kaum nachträglich reparieren.
  • Page Builder: Gutenberg + barrierefreies Block-Theme ist der sicherste Weg. Bricks liefert den saubersten Code, braucht aber ARIA-Handarbeit. Elementor funktioniert, erfordert aber ständige Kontrolle.
  • Overlay-Tools (AccessiBe, UserWay) sind keine Lösung. Sie beheben keine strukturellen Barrieren und werden von Fachleuten und Behörden nicht als BFSG-konform anerkannt.
  • Kosten: WordPress-Umstellungen liegen typischerweise 20–30 % unter proprietären Systemen. Für eine KMU-Site mit 20–50 Seiten: 4.000–12.000 €.

Ist WordPress von Haus aus barrierefrei?

Kurze Antwort: Nein. Aber WordPress bietet eine der besten Ausgangspositionen unter allen CMS.

Der WordPress-Core hat Barrierefreiheit als offizielles Entwicklungsziel. Seit Version 6.8 orientiert sich das Projekt an WCAG 2.2 AA. Allein in den letzten drei Major-Releases (6.7–6.9) wurden über 250 Barrierefreiheits-Tickets geschlossen. Core-Blöcke geben sauberes, semantisches HTML aus: Überschriften als <h1><h6>, Listen als <ul>/<ol>, Absätze als <p>.

Das Problem liegt nicht im Core. Es liegt in den drei Schichten, die darüber kommen: Theme, Plugins und Page Builder. Eine Standard-WordPress-Installation mit einem beliebigen Theme aus dem Repository ist fast nie BFSG-konform.

Wo entstehen die Barrieren?

Themes: Das Fundament entscheidet

Ein Theme bestimmt die HTML-Struktur Ihrer gesamten Website. Fehlt hier die Basis, hilft kein Plugin.

Typische Theme-Probleme:

  • Fehlende Landmarks. Ohne <header>, <nav>, <main> und <footer> können Screenreader-Nutzer nicht zwischen Seitenbereichen springen.
  • Deaktivierte Fokus-Indikatoren. Viele Themes setzen outline: none aus Designgründen. Tastaturnutzer sehen nicht mehr, wo sie sich befinden.
  • Falsche Überschriften-Hierarchie. Wenn H-Tags fürs Styling statt für die Struktur genutzt werden (z. B. H4 vor H2), verliert die Seite ihre logische Gliederung.
  • Unzureichende Kontraste. Hellgrauer Text auf Weiß ist ein Klassiker. WCAG verlangt mindestens 4,5:1 für normalen Text.

Unsere Empfehlung: Suchen Sie im WordPress-Repository nach Themes mit dem Tag „accessibility-ready”. Dieses Label ist ein Startpunkt, keine Garantie. Prüfen Sie zusätzlich manuell: Navigieren Sie nur mit der Tab-Taste. Sehen Sie, wo der Fokus liegt?

WordPress.org Theme-Verzeichnis mit geöffnetem Feature-Filter: 'Accessibility ready' ist ausgewählt. Das Ergebnis zeigt 106 Themes, die dieses Kriterium erfüllen.
Im WordPress Theme-Verzeichnis unter „Feature → Accessibility ready" filtern: 106 Themes erfüllen das Kriterium. Direkt erreichbar unter wordpress.org/themes/?features[]=accessibility-ready

Wenn Sie ein neues Projekt starten: Nutzen Sie ein Block-Theme (Twenty Twenty-Five, GeneratePress, Kadence). Diese bringen Landmarks, Skip-Links und barrierefreie Farbpaletten von Haus aus mit.

Wenn Sie ein bestehendes Theme haben: Prüfen Sie die HTML-Struktur. Fehlen Landmarks komplett? Dann ist ein Theme-Wechsel oder Relaunch oft günstiger als die Reparatur.

Plugins: Die unsichtbaren Barrieren

Slider, Pop-ups und Kontaktformulare sind die häufigsten Fehlerquellen.

Slider sind oft nicht pausierbar und für Screenreader nicht lesbar. Pop-ups erzeugen „Keyboard Traps”: Der Nutzer bleibt mit der Tab-Taste im Hintergrund hängen, während das Overlay im Vordergrund liegt. Formulare nutzen häufig Placeholder statt echte <label>-Elemente. Sobald der Nutzer tippt, verschwindet die Feldbeschreibung.

Wenn Sie Plugins evaluieren: Testen Sie jedes Plugin einzeln mit der Tastatur. Kommen Sie überall hin? Können Sie alles bedienen, ohne die Maus zu berühren? Wenn nicht: ersetzen oder konfigurieren.

Welcher Page Builder ist am besten für Barrierefreiheit?

Die Wahl des Builders bestimmt, wie viel Nacharbeit Sie für BFSG-Konformität brauchen. Der Equalize Digital Page Builder Accessibility Report 2025 hat 19 Builder mit über 200 Stunden automatisierter und manueller Tests verglichen.

KriteriumGutenberg (Block-Editor)Bricks BuilderElementor
HTML-QualitätSauber, semantischAm saubersten aller Builder„Div-Suppe”, ~4 Wrapper pro Element
LandmarksAutomatisch via Block-ThemesAutomatisch (<header>, <main>, <footer>)Nur bei „Default”-Layout, nicht bei „Full Width”
Skip-LinksJa (via Theme)2 Skip-Links ab WerkManuell hinzufügen
ARIA-WidgetsCore-Blöcke korrektAkkordeon/Tabs ohne ARIA-RollenBekannte Bugs in Nested Accordion
Performance-ImpactMinimalMinimal~32 MB zusätzliches Seitengewicht
LernkurveNiedrigMittel–HochNiedrig

Gutenberg: Der sicherste Weg

Block-Themes wie Twenty Twenty-Five oder Kadence bringen Landmarks, Skip-Links und barrierefreie Farbpaletten automatisch mit. Da WordPress-Core ein dediziertes Accessibility-Team hat, profitieren Gutenberg-Nutzer von kontinuierlichen Verbesserungen.

Schwäche: Sie können Block-Elementen keine semantischen HTML5-Tags (<section>, <article>) zuweisen. Für komplexe Layouts brauchen Sie Add-ons wie Kadence Blocks (Platz 1 im Equalize Digital Report).

Bricks: Der sauberste Code, aber Handarbeit

Bricks erzeugt das schlankste HTML aller Builder. Jedes Element kann manuell mit dem korrekten HTML-Tag versehen werden. Der Menu Builder erlaubt volle Kontrolle über aria-expanded-Zustände und Tastatur-Events.

Aber: Komplexe Widgets wie Akkordeons, Tabs und Slider haben keine ARIA-Rollen. Das Button-Element nutzt <span> statt <button>, und Formulare fehlt <fieldset>/<legend>-Gruppierung. Bricks ist ein mächtiges Werkzeug, verlangt aber einen Entwickler, der die ARIA-Lücken kennt und schließt.

Wenn Sie Bricks einsetzen: Planen Sie Budget für ARIA-Nachrüstung ein. Die Standard-Templates sind nur „durchschnittlich” (Equalize Digital), der Builder selbst bietet aber alle Werkzeuge für eine vollständig barrierefreie Umsetzung.

Elementor: Funktioniert, aber braucht Disziplin

Elementor rangiert im Equalize Digital Report auf Platz 4 von 19. Die „Optimized DOM Output”-Option reduziert verschachtelte Container deutlich. Die Ally-Erweiterung (ehemals One Click Accessibility) erkennt über 180 Probleme.

Risiken: Das „Full Width”-Layout entfernt alle semantischen Landmarks. JavaScript-basierte Widgets (Slider, Modale) verwalten den Fokus oft nicht korrekt. Elementors Accessibility Statement referenziert nur WCAG 2.0, nicht die vom BFSG geforderte Version 2.1 AA.

Wenn Sie Elementor nutzen: Verwenden Sie immer das „Default”-Seitenlayout, nie „Full Width” oder „Elementor Canvas”. Setzen Sie semantische HTML-Tags manuell in den erweiterten Einstellungen.

Warum Accessibility-Overlays keine Lösung sind

Tools wie AccessiBe, UserWay oder Eye-Able Widgets versprechen BFSG-Konformität per JavaScript-Snippet. Das ist irreführend.

Overlays legen eine Korrekturschicht über die Website, reparieren aber den Code nicht. Fehlende Alt-Texte, nicht-navigierbare Formulare und kaputte Seitenstruktur bleiben bestehen. In WebAIM-Umfragen bewerten 72 % der betroffenen Nutzer Overlays als unwirksam. Im April 2025 wurde AccessiBe von der US-Handelsbehörde FTC zu einer Strafe von 1 Million Dollar wegen irreführender Werbung verurteilt.

Zwei weitere Probleme: Overlays laden externe Skripte, die die Ladezeit verschlechtern. Und viele Menschen mit Behinderung haben ihren Browser bereits optimal konfiguriert. Ein Overlay überschreibt diese Einstellungen ungefragt.

Unsere Position: Wir listen in unserem Verzeichnis keine reinen Overlay-Anbieter. Wir empfehlen ausschließlich Agenturen, die den tatsächlichen Code Ihrer Website barrierefrei machen.

Welche Plugins helfen wirklich?

Drei Plugins, die den bestehenden Code verbessern, statt ihn zu überdecken:

WP Accessibility (Joe Dolson) ist der Goldstandard für Basis-Fixes. Kostenlos, 60.000+ aktive Installationen, aktuell Version 2.3.2. Fügt Skip-Links hinzu, repariert Fokus-Management, erzwingt Alt-Text-Felder. Ersetzt kein barrierefreies Theme, aber behebt häufige Lücken.

Equalize Digital Accessibility Checker scannt Ihre Inhalte beim Speichern auf über 40 WCAG-2.2-Kriterien. Funktioniert wie ein SEO-Plugin, aber für Barrierefreiheit. Die kostenlose Version prüft Seiten und Beiträge. Pro (ab 145 USD/Jahr) scannt die gesamte Website und exportiert Berichte.

Sa11y ist ein unterschätztes Tool: 80+ Checks mit visuellen Tooltips direkt im Frontend, Überschriften-Hierarchie-Visualisierung, Kontrast-Prüfung. Nur 300+ Installationen, aber perfekte 5-Sterne-Bewertung.

Wenn Sie nur ein Plugin installieren: WP Accessibility. Es löst die häufigsten technischen Probleme und ist kostenlos.

Wenn Sie ein Redaktionsteam haben: Equalize Digital Accessibility Checker. Es zeigt Redakteuren Barrieren direkt beim Schreiben.

Was können Sie selbst tun, wo brauchen Sie eine Agentur?

AufgabeEigenleistung möglich?Agentur nötig?
Alt-Texte für Bilder✅ JaNur Schulung
Überschriften-Hierarchie prüfen✅ JaNur Schulung
Linktexte verbessern („Hier klicken” → „Zum BFSG-Ratgeber”)✅ JaNein
Farbkontraste prüfen✅ Mit Tools (WAVE, Lighthouse)Nein
Theme-Struktur anpassen (Landmarks, ARIA)❌ Zu komplex✅ Ja
Page-Builder korrekt konfigurieren⚠️ Mit Anleitung✅ Empfohlen
Barrierefreiheitserklärung erstellen⚠️ Mustertexte möglich✅ Für Rechtssicherheit
Vollständiges WCAG-Audit❌ Nein✅ Pflicht

Konkreter Aktionsplan

Phase 1 (sofort, Eigenleistung): Installieren Sie WP Accessibility. Navigieren Sie Ihre Website nur mit der Tab-Taste. Notieren Sie, wo Sie nicht hinkommen oder den Fokus verlieren. Prüfen Sie die 10 meistbesuchten Seiten mit WAVE oder Lighthouse.

Phase 2 (1–4 Wochen, Eigenleistung + Agentur): Beauftragen Sie eine Experten-Kurzanalyse (490–1.200 €). Beheben Sie Content-Barrieren selbst: Alt-Texte, Überschriften, Linktexte. Details zu den Kosten einer barrierefreien Website.

Phase 3 (1–3 Monate, Agentur): Theme-Struktur bereinigen oder Builder korrekt konfigurieren. ARIA-Landmarks, Fokus-Management, Formular-Zugänglichkeit. Barrierefreiheitserklärung erstellen.

Phase 4 (laufend): Redaktionsteam schulen. Neue Inhalte von Anfang an barrierefrei erstellen. Jährlicher Re-Audit (700–2.500 €).

Prüfen Sie zuerst, ob Sie vom BFSG überhaupt betroffen sind. Falls Sie einen Online-Shop betreiben, gelten verschärfte Anforderungen für Checkout und Produktfilter.

Wie dringend ist das?

Das BFSG gilt seit dem 28. Juni 2025. Es gibt keine Übergangsfrist für Websites und Online-Shops.

Seit Januar 2026 führt die Marktüberwachungsstelle MLBF in Magdeburg (ca. 70 Mitarbeiter) aktive Kontrollen durch. Bußgelder reichen bis 100.000 €. Stand März 2026 sind keine öffentlichen Bußgelder bekannt, die Kontrollintensität steigt aber.

Parallel dazu läuft seit August 2025 eine Abmahnwelle. Eine Kanzlei verschickt pauschale Abmahnungen an Online-Shops (ca. 595 € pro Fall). Die Rechtmäßigkeit ist umstritten, erste Gerichtsurteile werden 2026 erwartet. Mehr dazu unter BFSG-Abmahnung: Was tun?.

Häufige Fragen

Reicht ein Accessibility-Plugin, um meine WordPress-Seite BFSG-konform zu machen?

Nein. Plugins wie WP Accessibility beheben häufige technische Probleme (Skip-Links, Fokus-Indikatoren, Alt-Text-Felder). Strukturelle Barrieren im Theme, fehlerhafte ARIA-Implementierung in Page Buildern und nicht-zugängliche Formulare können sie nicht reparieren. Ein Plugin ist ein Baustein, keine Gesamtlösung.

Was kostet es, eine WordPress-Website barrierefrei zu machen?

Das hängt vom Ausgangszustand ab. Ein Audit kostet 490–8.000 €, die Umsetzung für eine KMU-Website (20–50 Seiten) liegt bei 4.000–12.000 €. Wenn ein Relaunch ansteht, kostet Barrierefreiheit nur 10–15 % mehr als ein Standard-Relaunch. Details und Fördermöglichkeiten unter Barrierefreie Website: Kosten 2026.

Ist Elementor barrierefrei?

Elementor kann BFSG-konform konfiguriert werden, ist es aber nicht automatisch. Im Equalize Digital Report 2025 rangiert Elementor auf Platz 4 von 19 Buildern. Voraussetzung: „Default”-Seitenlayout verwenden (nicht „Full Width”), semantische HTML-Tags manuell setzen, und JavaScript-Widgets auf Fokus-Management prüfen. Ohne diese Schritte erzeugt Elementor tief verschachtelte <div>-Strukturen, die assistiven Technologien keine Kontextinformationen bieten.

Gilt das BFSG auch für kleine Unternehmen mit WordPress-Website?

Die Kleinstunternehmen-Ausnahme greift nur bei weniger als 10 Beschäftigten und weniger als 2 Mio. € Jahresumsatz, und nur für Dienstleistungen. Sobald Sie 10 oder mehr Mitarbeiter haben, gilt das BFSG vollständig. Für Online-Shops gibt es keine Größenausnahme, da sie unter die Produktregelungen fallen. Mehr unter BFSG-Pflicht: Bin ich betroffen?.

Macht eine automatische Vorlesefunktion meine Website BFSG-konform?

Nein. Menschen, die auf Vorlesefunktionen angewiesen sind, nutzen bereits eigene Screenreader (NVDA, VoiceOver, JAWS), die wesentlich leistungsfähiger sind als jede Website-eigene Sprachausgabe. Das BFSG fordert die Zugänglichkeit für assistive Technologien des Nutzers, nicht die Bereitstellung eigener Tools.

Rechtlicher Hinweis: Die auf barrierefreie-agenturen.de bereitgestellten Inhalte dienen der allgemeinen Information über das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG). Sie stellen keine Rechtsberatung dar und können eine individuelle juristische Prüfung nicht ersetzen. Trotz sorgfältiger Recherche übernehmen wir keine Gewähr für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der bereitgestellten Informationen.