Auswählen, prüfen, entscheiden
Auf einen Blick:
- Das Theme ist der größte Hebel. Es bestimmt die HTML-Struktur der gesamten Website — was hier fehlt, lässt sich per Plugin kaum nachrüsten.
- „Accessibility ready“ ist ein Startpunkt, keine Garantie. Das Label beruht auf einer Prüfung gegen einen definierten Kriterienkatalog, nicht auf einer Zertifizierung Ihrer fertigen Website.
- Block-Themes haben strukturelle Vorteile, weil Landmarks und Skip-Links im Standard angelegt sind.
- Jedes Theme lässt sich in 15 Minuten grob prüfen — mit Tab-Taste, Zoom und einem Blick auf die Überschriften.
- Theme-Wechsel schlägt Reparatur, wenn Landmarks komplett fehlen.
Warum das Theme über alles andere entscheidet
Ein WordPress-Theme legt fest, welches HTML am Ende im Browser ankommt: welche Bereiche als Navigation ausgezeichnet sind, in welcher Reihenfolge der Fokus durch die Seite wandert, ob Überschriften eine Gliederung ergeben. Alle nachgelagerten Schichten — Plugins, Page Builder, Inhalte — arbeiten auf dieser Grundlage.
Deshalb ist die Reihenfolge bei der Umsetzung nicht verhandelbar: erst Theme, dann Page Builder, dann Plugins. Wer umgekehrt vorgeht, repariert Symptome.
Was „Accessibility ready“ bedeutet
Themes im offiziellen WordPress-Verzeichnis können das Schlagwort „accessibility-ready“ tragen. Dahinter steht ein Kriterienkatalog des WordPress-Accessibility-Teams, den ein Theme durchlaufen muss — unter anderem zu Tastaturbedienbarkeit, Fokus-Sichtbarkeit, Kontrastwerten, Formularlabels und Überschriftenstruktur. Sie finden diese Themes im Theme-Verzeichnis über den Feature-Filter.
Was das Label leistet: Es schließt Themes aus, die grundlegende Anforderungen verletzen. Als Vorauswahl ist es wertvoll.
Was es nicht leistet:
- Es prüft das Theme im Auslieferungszustand, nicht Ihre fertige Website mit Ihren Inhalten, Plugins und Anpassungen.
- Es sagt nichts über Ihre Farbwahl aus — Kontraste kippen, sobald Sie eigene Farben setzen.
- Es deckt nicht ab, was ein Page Builder oder ein Formular-Plugin an zusätzlichem Markup einfügt.
- Es ist keine Konformitätsaussage im Sinne des BFSG.
Ein Theme mit dem Label ist also ein guter Ausgangspunkt und kein Nachweis.
Block-Themes oder Classic-Themes?
Block-Themes (Twenty Twenty-Five, GeneratePress, Kadence und andere) bringen semantische Landmarks, Skip-Links und durchdachte Standardpaletten von Haus aus mit. Die zentrale Steuerung über die theme.json hat einen unterschätzten Vorteil für Barrierefreiheit: Schriftgrößen, Abstände und Farben sind an einer Stelle definiert, statt über Dutzende Einzelseiten verstreut. Das macht Korrekturen überhaupt erst wirtschaftlich.
Classic-Themes sind nicht automatisch schlechter — viele ältere, sorgfältig gepflegte Themes sind sauberer als manches moderne Block-Theme. Der Unterschied liegt im Aufwand für Änderungen: Was in der theme.json ein Wert ist, ist im Classic-Theme oft ein CSS-Eingriff an mehreren Stellen.
Für neue Projekte spricht der Aufwand für Block-Themes. Bei bestehenden Websites ist ein Wechsel nur dann sinnvoll, wenn ohnehin ein Relaunch ansteht — der Umbau erzeugt sonst neue Fehlerquellen, ohne die alten sicher zu beseitigen.
Ein Theme in 15 Minuten selbst prüfen
Sie brauchen dafür keine Spezialsoftware. Öffnen Sie die Demo oder Ihre Testinstallation und arbeiten Sie diese fünf Punkte ab:
1. Der Tab-Test (5 Minuten). Klicken Sie in die Adresszeile und drücken Sie wiederholt Tab. Sehen Sie an jeder Station deutlich, wo Sie sind? Springt der Fokus in einer logischen Reihenfolge? Kommen Sie überall wieder heraus, auch aus Menüs und Popups? Ein unsichtbarer Fokus ist ein Ausschlusskriterium.
2. Der Skip-Link. Der allererste Tab-Druck auf einer Seite sollte einen Sprunglink zum Hauptinhalt sichtbar machen. Fehlt er, müssen Screenreader- und Tastaturnutzer:innen bei jedem Seitenaufruf die komplette Navigation durchlaufen.
3. Der Zoom-Test (2 Minuten). Stellen Sie den Browser auf 400 % Zoom. Bricht die Seite in eine einspaltige Ansicht um, oder müssen Sie horizontal scrollen? Verschwinden Inhalte oder überlappen sie? Maßstab ist WCAG 1.4.10 (Reflow).
4. Die Überschriften. Prüfen Sie, ob die Seite genau eine H1 hat und ob die Ebenen ohne Sprünge aufeinander folgen. Viele Themes setzen H-Tags nach Schriftgröße statt nach Bedeutung — etwa eine H4 im Footer-Widget über einer H2 im Inhalt.
5. Die Kontraste. Achten Sie besonders auf hellgraue Fließtexte, Platzhaltertexte in Formularfeldern und Text auf Bildern. WCAG verlangt mindestens 4,5:1 für normalen Text und 3:1 für große Schrift.
Wenn Sie diese fünf Punkte bestehen, ist das Theme eine tragfähige Basis. Der vollständige Prüfumfang ist deutlich größer — wie ein richtiger Test aussieht, steht im Ratgeber Barrierefreiheit testen.
Typische Theme-Probleme und ihre Folgen
- Fehlende Landmarks. Ohne
<header>,<nav>,<main>und<footer>können Screenreader-Nutzer:innen nicht zwischen Seitenbereichen springen und müssen jede Seite linear durchlaufen. outline: noneim CSS. Ein häufiger Designeingriff, der den Fokus unsichtbar macht. Tastaturnutzer:innen verlieren damit jede Orientierung.- Überschriften als Stilmittel. Zerstört die Gliederung, auf der Screenreader-Navigation aufbaut.
- Zu geringe Kontraste. Hellgrauer Text auf Weiß ist der Klassiker und betrifft weit mehr Menschen als nur Blinde.
- Nur-Hover-Menüs. Navigation, die sich ohne Maus nicht öffnen lässt, sperrt Tastatur- und Touch-Nutzer:innen aus.
Wechseln oder reparieren?
Die Entscheidung hängt an einer einzigen Frage: Ist die Grundstruktur vorhanden?
Reparieren lohnt sich, wenn Landmarks und eine saubere Überschriftenhierarchie existieren und die Probleme in Farben, Fokus-Stilen und einzelnen Komponenten liegen. Das sind CSS- und Template-Eingriffe mit überschaubarem Aufwand.
Wechseln ist günstiger, wenn das Theme keine Landmarks ausgibt, Inhalte in bedeutungslose <div>-Verschachtelungen packt oder der Hersteller es nicht mehr pflegt. Dann arbeiten Sie gegen die Architektur an, und jede Korrektur wird beim nächsten Update wieder fällig.
Was beide Wege kosten, ordnet der Ratgeber Barrierefreie Website: Kosten ein. Ist ein Relaunch ohnehin geplant, verschiebt sich die Rechnung deutlich zugunsten des Wechsels.
Häufige Fragen
Welches WordPress-Theme ist barrierefrei?
Als Vorauswahl eignen sich Themes mit dem Schlagwort „accessibility-ready“ im offiziellen Verzeichnis; für neue Projekte bewähren sich Block-Themes wie Twenty Twenty-Five, GeneratePress oder Kadence. Ein pauschal „barrierefreies“ Theme gibt es aber nicht, weil Ihre Farben, Inhalte und Plugins mit darüber entscheiden.
Reicht ein „Accessibility ready“-Theme für die BFSG-Konformität?
Nein. Das Label bewertet das Theme im Auslieferungszustand, nicht Ihre fertige Website. Sobald Sie eigene Farben setzen, Page Builder einsetzen oder Formulare einbinden, entsteht neues Markup, das gesondert geprüft werden muss.
Sind Block-Themes barrierefreier als Classic-Themes?
Sie haben strukturelle Vorteile — Landmarks und Skip-Links sind im Standard angelegt, und die zentrale Steuerung über die theme.json macht Korrekturen einfacher. Ein gut gepflegtes Classic-Theme kann trotzdem sauberer sein als ein schlecht umgesetztes Block-Theme.
Muss ich mein Theme wechseln, um barrierefrei zu werden?
Nur, wenn die Grundstruktur fehlt. Gibt das Theme keine Landmarks aus und verschachtelt Inhalte in bedeutungslose <div>-Container, ist ein Wechsel meist günstiger als die Reparatur. Sind Landmarks und Überschriftenhierarchie vorhanden, genügen gezielte CSS- und Template-Anpassungen.
Wie erkenne ich ohne Fachkenntnisse, ob ein Theme taugt?
Mit dem Tab-Test: Navigieren Sie die Seite ausschließlich mit der Tabulatortaste. Wenn Sie jederzeit sehen, wo der Fokus steht, in einer sinnvollen Reihenfolge vorankommen und aus jedem Menü wieder herausfinden, ist die wichtigste Hürde genommen.
Dieser Ratgeber ist Teil unseres Leitfadens Barrierefreie WordPress-Website erstellen.