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Barrierefreie PDFs erstellen und prüfen

Barrierefreie PDFs aus Word, InDesign und LaTeX: Tags, Lesereihenfolge, Alternativtexte, Prüfung mit PAC und Acrobat. Mit Prüfliste zum Abhaken.

Marc Schraepler von Gerlach

Marc Schraepler von Gerlach

· barrierefreie-agenturen.de

Wie erstelle ich ein barrierefreies PDF?

Kurzantwort: Ein barrierefreies PDF entsteht im Ausgangsdokument, nicht im PDF. Wer in Word, InDesign oder LaTeX sauber mit Formatvorlagen arbeitet und beim Export die Tag-Struktur mitgibt, hat neunzig Prozent der Arbeit erledigt. Nachträglich in Acrobat taggen ist möglich, dauert aber ein Vielfaches.

Auf einen Blick:

  • Der Standard heißt PDF/UA (ISO 14289-1). Er ist für Dokumente das, was WCAG für Websites ist.
  • Fünf Fehler machen fast alle Probleme aus: fehlende Tags, falsche Lesereihenfolge, Bilder ohne Alternativtext, Tabellen ohne Kopfzellen, fehlender Dokumenttitel.
  • Prüfen kostet nichts. Der PDF Accessibility Checker (PAC) ist kostenlos und prüft gegen PDF/UA.
  • Ein Scan ohne Textebene ist nie barrierefrei. Für Screenreader ist er ein Bild. OCR ist Pflicht, keine Kür.
  • Wenn das Dokument nur informiert: Veröffentlichen Sie es als HTML-Seite statt als PDF. Das ist fast immer der bessere Weg.

Fällt mein PDF überhaupt unter das BFSG?

Das BFSG verpflichtet Dienstleistungserbringer nicht pauschal dazu, jedes PDF barrierefrei zu machen. Entscheidend ist, ob das Dokument Teil der Dienstleistung ist.

Wenn das PDF Teil des Nutzungsvorgangs ist: Rechnungen, Vertragsunterlagen, Tickets, Buchungsbestätigungen, Formulare, Produktinformationen, Gebrauchsanleitungen zu erfassten Produkten. Diese Dokumente müssen barrierefrei sein.

Wenn das PDF reines Marketing ist: Eine Imagebroschüre ohne Funktion im Vertragsverhältnis ist rechtlich unkritisch. Trotzdem gilt: Wer sie nicht barrierefrei bereitstellt, schließt Leser aus.

Technisch beschreibt die Norm EN 301 549 in Kapitel 10 die Anforderungen an Nicht-Web-Dokumente. Sie übernimmt dort im Kern dieselben Erfolgskriterien, die Sie von der WCAG kennen — nur angewendet auf ein Dokument statt auf eine Seite.

Für elektronische Rechnungen kommt eine zweite Ebene dazu: Das Pflichtformat ist strukturiert (XML beziehungsweise Hybrid), nicht das PDF allein. Was dabei zu beachten ist, behandelt unser Schwesterprojekt e-rechnungsberater.de.

Die fünf Fehler, die fast jedes PDF hat

Fehler Woran es scheitert Kriterium
Keine Tags Screenreader liest eine Buchstabenwüste ohne Überschriften, Listen, Absätze WCAG 1.3.1
Falsche Lesereihenfolge Mehrspaltige Layouts werden quer über die Spalten vorgelesen WCAG 1.3.2
Bilder ohne Alternativtext Diagramme und Logos bleiben stumm oder werden als Dateiname vorgelesen WCAG 1.1.1
Tabellen ohne Kopfzellen Zellen ohne Bezug zur Spaltenüberschrift ergeben keinen Sinn WCAG 1.3.1
Kein Dokumenttitel Im Tab und in der Vorlesereihenfolge steht der Dateiname statt des Titels WCAG 2.4.2

Der teuerste Fehler steht nicht in der Tabelle: ein gescanntes Dokument ohne Textebene. Für ein Hilfsmittel ist das ein Foto. Kein Tagging und kein Alternativtext repariert das — nur eine Texterkennung, die anschließend Korrektur gelesen wird.

Wie gehe ich je nach Werkzeug vor?

Wenn Sie mit Word arbeiten: Nutzen Sie durchgängig die Formatvorlagen für Überschriften statt Text manuell fett und groß zu setzen. Vergeben Sie Alternativtexte über das Kontextmenü der Bilder, markieren Sie Kopfzeilen in Tabellen, setzen Sie die Dokumentsprache und tragen Sie in den Dateieigenschaften einen Titel ein. Exportieren Sie dann über „Speichern unter → PDF” mit aktivierter Option für Dokumentstrukturtags. Nicht über „Drucken → Als PDF sichern”: Dabei gehen sämtliche Tags verloren.

Wenn Sie mit InDesign arbeiten: Pflegen Sie Absatz- und Zeichenformate, ordnen Sie ihnen im Export-Tagging die passenden PDF-Tags zu, und bringen Sie den Artikelbereich in die richtige Reihenfolge. Exportieren Sie als „Adobe PDF (interaktiv)” oder mit aktivierten Tags. Dekorative Elemente markieren Sie als Artefakt, damit sie nicht vorgelesen werden.

Wenn Sie mit LaTeX arbeiten: Seit den Tagging-Erweiterungen der aktuellen LaTeX-Versionen ist getaggtes PDF ohne Umwege möglich. Bis das in Ihrer Distribution stabil ist, bleibt der pragmatische Weg: über pdfx oder accessibility Metadaten und Sprache setzen, Struktur sauber auszeichnen und die Tags anschließend in Acrobat nacharbeiten.

Wenn Sie PDFs aus HTML erzeugen: Prüfen Sie, ob Ihre Bibliothek Tags schreibt. Viele verbreitete Renderer erzeugen optisch korrekte, strukturell leere PDFs. Wenn Ihre Toolchain das nicht kann, ist das ein Argument, das Dokument als HTML-Seite auszuliefern.

Unsere Empfehlung: Fragen Sie vor jedem PDF-Projekt, ob es ein PDF sein muss. Eine HTML-Seite ist responsiv, durchsuchbar, verlinkbar und ohne Zusatzaufwand barrierefrei. PDF lohnt sich, wenn ein Dokument gedruckt, archiviert oder unverändert weitergegeben werden soll.

Womit prüfe ich das Ergebnis?

Werkzeug Kosten Was es leistet
PAC (PDF Accessibility Checker) kostenlos Prüfung gegen PDF/UA, Vorschau der Screenreader-Ausgabe
Acrobat Pro, Barrierefreiheitsprüfung kostenpflichtig Prüfung plus Werkzeuge zum Nachbessern von Tags und Leseordnung
veraPDF kostenlos, Open Source maschinelle Validierung, gut für automatisierte Pipelines

Wie bei Websites gilt auch hier: Diese Werkzeuge finden formale Mängel, nicht inhaltliche. Ob ein Alternativtext das Diagramm sinnvoll beschreibt und ob die Lesereihenfolge dem Sinn folgt, beurteilt nur ein Mensch. Dieselbe Grenze beschreibt der Ratgeber Barrierefreiheit testen für Webseiten.

Der ehrlichste Test dauert zwei Minuten: Öffnen Sie das PDF, lassen Sie es vorlesen und hören Sie zu. Wenn Sie der Reihenfolge nicht folgen können, kann es Ihr Publikum auch nicht.

Prüfliste zum Abhaken

Diese Liste deckt ab, was in der Praxis schiefgeht. Für den Ausdruck genügt die Druckfunktion des Browsers.

# Prüfpunkt Erfüllt?
1 Das Dokument hat Tags (nicht nur Text)
2 Dokumenttitel ist gesetzt und aussagekräftig
3 Dokumentsprache ist gesetzt, fremdsprachige Passagen ausgezeichnet
4 Überschriften sind als Überschriften getaggt, ohne Ebenensprünge
5 Lesereihenfolge entspricht dem Sinn, auch bei mehreren Spalten
6 Alle informativen Bilder haben einen Alternativtext
7 Dekorative Elemente sind als Artefakt markiert
8 Tabellen haben ausgezeichnete Kopfzellen
9 Listen sind als Listen getaggt, nicht als Absätze mit Strichen
10 Formularfelder haben Beschriftungen und eine sinnvolle Tab-Reihenfolge
11 Kontraste erfüllen mindestens 4,5:1 (prüfbar im Kontrastrechner)
12 Kein reiner Scan ohne Textebene
13 Links haben aussagekräftigen Text, nicht „hier klicken”
14 PAC meldet keine PDF/UA-Verstöße

Wer regelmäßig Dokumente veröffentlicht, sollte diese Liste nicht selbst abarbeiten müssen. Anbieter, die das als Leistung anbieten, stehen unter PDF-Barrierefreiheit.

Häufige Fragen

Ist ein PDF automatisch barrierefrei, wenn Acrobat keine Fehler meldet?

Nein. Die Prüfung in Acrobat findet formale Mängel wie fehlende Tags oder Alternativtexte. Sie bewertet nicht, ob ein Alternativtext inhaltlich taugt oder ob die Lesereihenfolge dem Sinn folgt. Beides muss ein Mensch beurteilen, am besten mit einer Vorlese-Probe.

Was kostet es, ein PDF nachträglich barrierefrei zu machen?

Für ein einfaches, sauber aufgebautes Dokument von wenigen Seiten liegt der Aufwand oft im Bereich einer Stunde. Bei mehrspaltigen Layouts, vielen Tabellen oder gescannten Vorlagen wird daraus schnell ein Vielfaches. Deshalb ist die Korrektur im Ausgangsdokument fast immer günstiger als die Reparatur im PDF. Größenordnungen für Prüfung und Umsetzung insgesamt stehen im Ratgeber Was kostet Barrierefreiheit.

Muss ich alte PDFs im Archiv nachträglich barrierefrei machen?

Maßgeblich ist, ob das Dokument weiterhin Teil einer angebotenen Dienstleistung ist. Ein aktuelles Formular oder eine gültige Preisliste gehört dazu, ein abgelegter Jahresbericht von 2014 in der Regel nicht. Priorisieren Sie nach Nutzung: Was oft heruntergeladen wird, kommt zuerst.

Reicht es, das PDF durch ein Online-Tool zu schicken?

Für die Prüfung ja, für die Reparatur nein. Automatische „Barrierefrei-Konverter” setzen Tags nach Mustererkennung. Bei einem schlichten Textdokument geht das oft gut, bei Layouts mit Spalten, Kästen und Tabellen entstehen plausibel aussehende, aber falsche Strukturen. Das ist dieselbe Grenze wie bei Overlay-Tools für Websites.

Rechtlicher Hinweis: Die auf barrierefreie-agenturen.de bereitgestellten Inhalte dienen der allgemeinen Information über das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG). Sie stellen keine Rechtsberatung dar und können eine individuelle juristische Prüfung nicht ersetzen. Trotz sorgfältiger Recherche übernehmen wir keine Gewähr für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der bereitgestellten Informationen.