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BITV oder BFSG: Was gilt für wen?

BITV 2.0, BFSG, BGG und EN 301 549 im Vergleich: Wer unter welches Regelwerk fällt, was sich bei Pflichten, Erklärung und Durchsetzung unterscheidet.

Marc Schraepler von Gerlach

Marc Schraepler von Gerlach

· barrierefreie-agenturen.de

BITV oder BFSG — was gilt für mein Angebot?

Kurzantwort: Die BITV 2.0 gilt für öffentliche Stellen, das BFSG für die Privatwirtschaft. Technisch verweisen beide auf dieselbe Norm EN 301 549 und damit auf WCAG 2.1 AA. Die Unterschiede liegen bei den Pflichten drumherum: Erklärung, Feedback, Durchsetzung.

Auf einen Blick:

  • Öffentliche Stelle (Behörde, Hochschule, öffentlich-rechtlicher Träger): BITV 2.0 in Verbindung mit dem BGG oder dem jeweiligen Landesrecht.
  • Privatwirtschaft mit erfassten Produkten oder Verbraucher-Dienstleistungen: BFSG.
  • Technisch fast identisch. Wer WCAG 2.1 AA erfüllt, bedient den Kern beider Regelwerke.
  • Größter praktischer Unterschied: Unter der BITV listen Sie nicht barrierefreie Bereiche auf. Unter dem BFSG beschreiben Sie, wie Sie die Anforderungen erfüllen.
  • Wenn Sie beides sind — etwa ein kommunaler Eigenbetrieb mit Onlineshop: Prüfen Sie beide Stränge getrennt.

Wer fällt unter welches Regelwerk?

BITV 2.0 BFSG
Adressat öffentliche Stellen Wirtschaftsakteure der Privatwirtschaft
Grundlage EU-Richtlinie 2016/2102, BGG bzw. Landesrecht EU-Richtlinie 2019/882 (EAA)
Gilt seit 2019 bzw. 2020 (gestaffelt) 28.06.2025
Technischer Maßstab EN 301 549 → WCAG 2.1 AA EN 301 549 → WCAG 2.1 AA
Größenausnahme nein ja, Kleinstunternehmen bei Dienstleistungen
Durchsetzung Überwachungsstellen, Schlichtung nach BGG Marktüberwachung (MLBF), Bußgeld

Wenn Sie ein privates Unternehmen ohne öffentlichen Auftrag sind: BITV 2.0 gilt für Sie nicht. Ob das BFSG greift, klärt der Ratgeber BFSG-Pflicht.

Wenn Sie öffentliche Mittel erhalten oder öffentliche Aufgaben wahrnehmen: Die Einordnung als „öffentliche Stelle” hängt an der konkreten Trägerschaft und am jeweiligen Landesrecht, nicht an der Höhe einer Förderung.

Wenn Sie für öffentliche Auftraggeber arbeiten: Sie selbst fallen nicht unter die BITV, Ihr Werk aber schon. Barrierefreiheit gehört dann in Leistungsverzeichnis und Abnahme, sonst tragen Sie das Nachbesserungsrisiko.

Wo unterscheiden sich die Pflichten konkret?

Technisch ist der Kern derselbe. Unterschiedlich ist, was Sie zusätzlich tun müssen.

Pflicht BITV 2.0 BFSG
Erklärung zur Barrierefreiheit ja, nach vorgegebenem Muster Informationen nach Anlage 3, kein amtliches Muster
Nicht barrierefreie Bereiche auflisten ja, vorgeschrieben nein
Feedback-Mechanismus ja ja
Schlichtungsstelle benennen ja (nach BGG) nein
Zuständige Aufsicht nennen nein ja (Marktüberwachungsstelle)
Leichte Sprache und Gebärdensprache für Bundesbehörden vorgeschrieben nicht vorgeschrieben

Das ist die häufigste Verwechslung überhaupt: Wer ein BITV-Muster für ein privatwirtschaftliches Angebot übernimmt, veröffentlicht eine Liste der eigenen Mängel — vorgeschrieben für Behörden, für ein Unternehmen dagegen ein öffentlich dokumentierter Verstoß. Details und ein Generator für die BFSG-Variante stehen im Ratgeber Barrierefreiheitserklärung.

Was ist der BITV-Test, und lohnt er sich für Unternehmen?

Der BITV-Test ist ein standardisiertes Prüfverfahren mit rund 92 Prüfschritten, durchgeführt von geschulten Prüfstellen, viele davon im BIK-Prüfverbund. Für Webangebote ohne BITV-Pflicht existiert die schlankere WCAG-Variante mit 60 Prüfschritten.

Was ihn auszeichnet: Das Verfahren ist veröffentlicht, die Prüfschritte sind einheitlich, und das Ergebnis ist zwischen Prüfstellen vergleichbar. Bei einem bestandenen Test mit Prüfzeichen wählt die Prüfstelle die Seiten selbst aus und gibt die Auswahl bis zum Abschluss nicht bekannt — genau das macht das Ergebnis belastbar.

Wenn Sie einen Konformitätsnachweis gegenüber Dritten brauchen — Ausschreibung, Konzernvorgabe, Behördenanfrage: Der BITV-Test ist der anerkannteste Nachweis im deutschsprachigen Raum, auch für private Unternehmen.

Wenn Sie intern Prioritäten setzen wollen: Ein freies WCAG-Audit ist meist günstiger und flexibler, weil Sie Prüfumfang und Seitenauswahl mitbestimmen können.

Unsere Empfehlung: Erst ein Audit zur Bestandsaufnahme, dann die Mängel beheben, und den BITV-Test erst ansetzen, wenn Sie das Prüfzeichen wirklich brauchen. Ein Test auf einer ungeprüften Website ist ein teurer Weg, eine Mängelliste zu bekommen.

Prüfstellen und Anbieter stehen unter BITV-Test, die Preislogik im Ratgeber Was kostet Barrierefreiheit.

Wie hängen WCAG, EN 301 549 und BGG zusammen?

Vier Begriffe, eine Kette:

WCAG ist der internationale Standard des W3C mit prüfbaren Erfolgskriterien in den Stufen A, AA und AAA. Kein Gesetz.

EN 301 549 ist die europäische Norm für barrierefreie IKT. Für Webinhalte übernimmt sie im Wesentlichen WCAG 2.1 AA und ergänzt Anforderungen an Hardware, Dokumente und Support.

BGG und BITV 2.0 setzen die Richtlinie für den öffentlichen Sektor in Deutschland um und verweisen auf die EN 301 549.

BFSG und BFSGV setzen den European Accessibility Act für die Privatwirtschaft um — und verweisen ebenfalls auf die EN 301 549.

Praktisch heißt das: Sie arbeiten nie direkt „gegen ein Gesetz”, sondern immer gegen WCAG 2.1 AA. Welches Gesetz Sie dorthin schickt, entscheidet nur, wer Sie prüft und was Ihnen bei Verstößen droht.

Häufige Fragen

Gilt für uns die BITV, wenn wir eine gGmbH sind?

Nicht automatisch. Maßgeblich ist, ob die Einrichtung eine öffentliche Stelle im Sinne des BGG oder des jeweiligen Landesgesetzes ist — das hängt an Trägerschaft, Finanzierung und Aufsicht, nicht an der Gemeinnützigkeit. Im Zweifel klärt das die zuständige Landesstelle für Barrierefreiheit.

Reicht ein bestandener BITV-Test als BFSG-Nachweis?

Einen förmlichen „BFSG-Nachweis” kennt das Gesetz nicht. Ein bestandener BITV-Test ist aber die belastbarste verfügbare Dokumentation des Konformitätsstands und deckt inhaltlich mehr ab, als das BFSG verlangt. Die Informationen nach Anlage 3 BFSG müssen Sie zusätzlich erstellen.

Was ist der Unterschied zwischen BITV 2.0 und dem BGG?

Das Behindertengleichstellungsgesetz ist das Gesetz, die BITV 2.0 die zugehörige Verordnung, die es technisch konkretisiert. Das BGG regelt unter anderem auch das Schlichtungsverfahren, die BITV die Anforderungen an Websites, Apps und elektronische Verwaltungsabläufe.

Wir sind in Österreich. Was gilt dort statt der BITV?

Für den öffentlichen Sektor gilt in Österreich das Web-Zugänglichkeits-Gesetz, für die Privatwirtschaft das Barrierefreiheitsgesetz. Beide verweisen ebenfalls auf die EN 301 549. Die Details zur Privatwirtschaft stehen im Ratgeber BaFG Österreich.

Rechtlicher Hinweis: Die auf barrierefreie-agenturen.de bereitgestellten Inhalte dienen der allgemeinen Information über das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG). Sie stellen keine Rechtsberatung dar und können eine individuelle juristische Prüfung nicht ersetzen. Trotz sorgfältiger Recherche übernehmen wir keine Gewähr für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der bereitgestellten Informationen.