Wie testen Sie Ihre Website auf Barrierefreiheit?
Auf einen Blick:
- Automatische Tools finden ca. 30 % der WCAG-Prüfkriterien. Gut für den ersten Überblick, allein aber nicht ausreichend für BFSG-Konformität.
- Bester Einstieg: WAVE oder Lighthouse – kostenlos, in 5 Minuten eingerichtet. Zeigt die offensichtlichsten Barrieren sofort.
- Für BFSG-Konformität brauchen Sie mindestens eine manuelle Expertprüfung. Die Marktüberwachungsbehörde (MLBF) akzeptiert reine Scan-Berichte nicht als Nachweis.
- Kostenspanne: Vom kostenlosen Selbstcheck bis 3.000–6.000 € für einen zertifizierten BITV-Test.
- Overlay-Tools (AccessiBe, UserWay) sind weder Test-Tools noch Compliance-Lösungen.
Was finden automatische Tools – und was nicht?
Automatische Scanner erkennen zuverlässig fehlende Alt-Attribute, unzureichende Farbkontraste, fehlende Formular-Labels und Fehler in der Überschriften-Hierarchie. Diese Probleme machen einen großen Teil der realen Barrieren aus – laut einer Deque-Studie (2021, 13.000+ Seiten) decken axe-basierte Tools etwa 57 % aller gefundenen Issues ab.
Was kein automatisches Tool findet: Ob ein Alt-Text tatsächlich das Bild beschreibt. Ob sich ein Nutzer mit der Tastatur in einem Widget verfängt (Keyboard-Trap). Ob die Lesereihenfolge für Screenreader logisch ist. Ob Texte verständlich formuliert sind. Diese Prüfungen erfordern menschliches Urteilsvermögen.
In der Praxis bedeutet das: Automatische Tools prüfen ca. 30 % der WCAG-2.1-Erfolgskriterien vollständig. Die restlichen 70 % brauchen manuelle Tests. Die MLBF – seit September 2025 aktiv und seit Januar 2026 mit Durchsetzungsbefugnis – akzeptiert automatisierte Berichte nicht als alleinigen Konformitätsnachweis. Bei Verstößen drohen Bußgelder bis 100.000 €.
Schnellcheck für Einsteiger: Kostenlose Browser-Tools
WAVE (Web Accessibility Evaluation Tool)
WAVE ist der beste Einstieg für Nicht-Techniker. Die kostenlose Browser-Extension (Chrome, Firefox, Edge) legt farbige Icons direkt über Ihre Website: Rot für Fehler, Gelb für Warnungen, Grün für korrekte Elemente. Sie sehen sofort, wo Probleme liegen – ohne Code lesen zu müssen.
WAVE prüft gegen WCAG 2.2 und zeigt Kontrastfehler, fehlende Alt-Texte, leere Links und Strukturprobleme. Für eine Ersteinschätzung reichen 5 Minuten pro Seite.
Lighthouse (Chrome DevTools)
Lighthouse ist in Chrome eingebaut – kein Download nötig. Öffnen Sie die DevTools (F12), wählen Sie den Reiter „Lighthouse” und starten Sie einen Accessibility-Audit. Sie erhalten einen Score von 0 bis 100 und eine Liste konkreter Probleme mit Links zu Erklärungen.
Wichtig: Ein Lighthouse-Score von 100 bedeutet nicht, dass Ihre Website barrierefrei ist. Lighthouse nutzt die axe-core-Engine und prüft nur die automatisch testbaren Kriterien. Der Score zeigt, dass keine automatisch erkennbaren Fehler vorliegen – nicht mehr.
Wenn Sie schnell die größten Barrieren finden wollen: Starten Sie WAVE und arbeiten Sie die roten Fehler-Icons durch.
Wenn Sie Entwickler sind und Barrierefreiheit in Ihren Workflow einbauen wollen: Nutzen Sie Lighthouse in den DevTools plus Pa11y in Ihrer CI/CD-Pipeline.
Tools für Entwickler und technische Teams
Pa11y (Open Source CLI)
Pa11y ist ein kostenloses Open-Source-Tool für die Kommandozeile. Der größte Vorteil: CI/CD-Integration. Pa11y prüft bei jedem Deploy automatisch auf Barrierefreiheits-Regressionen. Wenn jemand einen Alt-Text entfernt oder ein Formular-Label vergisst, schlägt der Build fehl.
Pa11y unterstützt sowohl HTML CodeSniffer als auch axe-core als Test-Engine. Für Teams, die Barrierefreiheit systematisch absichern wollen, ist es unverzichtbar.
ARC Toolkit (Chrome Extension)
Die ARC Toolkit von TPGi ist eine kostenlose Chrome-Extension mit einem besonderen Feature: Sie visualisiert die Tab-Reihenfolge Ihrer Seite. Sie sehen auf einen Blick, ob Tastaturnutzer eine logische Navigationsreihenfolge vorfinden. Dazu gruppiert ARC Probleme nach Thema und WCAG-Level.
axe DevTools Pro
axe DevTools Pro (45 $/Monat) schließt die Lücke zwischen automatischen Scans und manuellem Testing. Die „Intelligent Guided Tests” führen Sie Schritt für Schritt durch Prüfungen, die ein Algorithmus allein nicht bewältigt – zum Beispiel Keyboard-Navigation durch komplexe Widgets oder die Qualität von Alt-Texten.
Professionelle Audits: Wann lohnt sich der Experte?
Wenn Sie BFSG-pflichtig sind und Rechtssicherheit brauchen, kommen Sie an einem professionellen Audit nicht vorbei. Nur ein manueller Test mit assistiven Technologien (Screenreader, Tastaturnavigation, Sprachsteuerung) deckt alle WCAG-Kriterien ab.
Wenn Sie einen Online-Shop betreiben, ist das besonders relevant: Ende 2024 waren laut einer Studie von Aktion Mensch und Google 99 % von 2.446 deutschen Online-Shops nicht BFSG-konform. Ein Audit zeigt Ihnen genau, wo Sie stehen.
BITV-Test: Der deutsche Standard
Der BITV-Test ist das etablierte deutsche Prüfverfahren. Zertifizierte Prüfstellen im BIK-Prüfverbund testen Ihre Website anhand von 92 Prüfschritten – davon 60 für WCAG 2.1 AA und 32 weitere Anforderungen aus der EN 301 549. Das Ergebnis wird auf bitvtest.de veröffentlicht.
Kosten: 3.000–6.000 €, abhängig von der Komplexität und Seitenauswahl. Für eine Barrierefreiheitserklärung liefert der BITV-Test die belastbarste Grundlage.
Was kostet ein Audit?
| Audit-Typ | Preisspanne | Was Sie bekommen |
|---|---|---|
| Kurzanalyse / Quick-Scan | 490–1.200 € | Automatisierter Scan + manuelle Stichprobe der kritischsten Seiten |
| Vollständiges WCAG-Audit | 1.500–8.000 € | Manuelle Prüfung aller Templates gegen WCAG 2.1 AA |
| Zertifizierter BITV-Test | 3.000–6.000 € | 92 Prüfschritte, öffentliches Ergebnis auf bitvtest.de |
Detaillierte Kostenaufstellung und Spartipps finden Sie in unserem Kostenratgeber. Informationen zu Fördermöglichkeiten im Förderungsratgeber.
Tool-Vergleich im Überblick
| Tool | Typ | Kosten | Am besten für |
|---|---|---|---|
| WAVE | Browser-Extension | Kostenlos | Schnellcheck, Einsteiger |
| Lighthouse | Chrome DevTools | Kostenlos | Entwickler, Performance-Check |
| Pa11y | CLI / CI/CD | Kostenlos | Automatisierte Pipeline-Tests |
| ARC Toolkit | Chrome-Extension | Kostenlos | Tab-Reihenfolge, Strukturanalyse |
| axe DevTools Pro | Extension + Plattform | Ab 45 $/Monat | Angeleitete manuelle Tests |
| Eye-Able Audit | Plattform | Auf Anfrage | BFSG-fokussiert, deutschsprachig |
| BITV-Test | Manuelles Audit | 3.000–6.000 € | Rechtssicherheit, Zertifikat |
Kein Tool allein reicht aus. Die effektivste Strategie kombiniert einen automatischen Scan (WAVE oder Lighthouse) mit manuellen Checks und – bei BFSG-Pflicht – einem professionellen Audit.
Warum Overlay-Tools keine Lösung sind
Tools wie AccessiBe, UserWay oder ähnliche Overlay-Widgets versprechen Barrierefreiheit per JavaScript-Snippet. Diese Versprechen sind irreführend.
Overlays legen eine Korrekturschicht über die Website, reparieren aber den Code nicht. Fehlende Alt-Texte, nicht-navigierbare Formulare und kaputte Seitenstruktur bleiben bestehen. Die MLBF und Barrierefreiheits-Experten erkennen Overlays nicht als BFSG-konform an.
Overlays sind auch keine Test-Tools. Sie zeigen nicht, welche Barrieren Ihre Website hat – sie versuchen, Symptome zu überdecken. Für eine fundierte Einordnung lesen Sie unseren WordPress-Leitfaden, der das Thema ausführlich behandelt.
Selbst testen: 5-Minuten-Check ohne Tools
Bevor Sie ein Tool installieren, können Sie fünf manuelle Checks in wenigen Minuten durchführen:
- Tab-Test: Drücken Sie Tab und navigieren Sie durch Ihre Website nur mit der Tastatur. Erreichen Sie jeden Link, jedes Formularfeld, jeden Button? Ist der Fokus immer sichtbar?
- Zoom-Test: Vergrößern Sie auf 200 % (Strg/Cmd + Plus). Bricht das Layout? Verschwindet Text hinter anderen Elementen?
- Bilder-Test: Deaktivieren Sie Bilder im Browser. Haben alle Bilder beschreibende Alternativtexte, die den Inhalt vermitteln?
- Kontrast-Check: Können Sie alle Texte problemlos lesen – auch graue Schrift auf hellem Hintergrund? Mindestanforderung: 4,5:1 für normalen Text.
- Vorlese-Test: Lesen Sie die Überschriften Ihrer Seite der Reihe nach vor. Ergibt die Struktur auch ohne den umgebenden Text Sinn?
Wenn einer dieser Tests Probleme zeigt, haben Sie konkreten Handlungsbedarf. Nutzen Sie dann WAVE oder Lighthouse für eine systematische Analyse.
Häufige Fragen
Wie kann ich meine Website auf Barrierefreiheit testen?
Starten Sie mit einem kostenlosen Tool wie WAVE oder Lighthouse. Diese zeigen in wenigen Minuten die häufigsten Barrieren. Ergänzen Sie das mit dem manuellen 5-Minuten-Check (Tab-Navigation, Zoom, Kontrast). Für BFSG-Konformität brauchen Sie zusätzlich eine manuelle Prüfung durch Experten.
Reicht ein automatischer Test für die Barrierefreiheit aus?
Nein. Automatische Tools prüfen ca. 30 % der WCAG-Erfolgskriterien vollständig. Aspekte wie Alt-Text-Qualität, Keyboard-Navigation in komplexen Widgets und Verständlichkeit können nur Menschen beurteilen. Die MLBF akzeptiert automatisierte Berichte nicht als alleinigen Nachweis.
Was kostet ein professionelles Barrierefreiheits-Audit?
Eine Kurzanalyse beginnt ab 490 €, ein vollständiges WCAG-Audit liegt bei 1.500–8.000 €. Der zertifizierte BITV-Test kostet 3.000–6.000 €. Alle Details und Fördermöglichkeiten finden Sie in unseren Ratgebern zu Kosten und Förderung.
Was ist der Unterschied zwischen WCAG, BITV und EN 301 549?
WCAG 2.1 ist der internationale Standard für Web-Barrierefreiheit (vom W3C). EN 301 549 ist die europäische Norm, die auf WCAG 2.1 AA verweist. BITV 2.0 ist die deutsche Umsetzung für öffentliche Stellen. Das BFSG referenziert EN 301 549 – in der Praxis bedeutet das: WCAG 2.1 Level AA ist der Maßstab.
Welche Tools gibt es, um Barrierefreiheit zu prüfen?
Kostenlose Tools: WAVE (Browser-Extension), Lighthouse (Chrome DevTools), Pa11y (CLI für Entwickler), ARC Toolkit (Chrome-Extension). Für angeleitetes Testing: axe DevTools Pro (45 $/Monat). Für den deutschen Markt: Eye-Able Audit (Preis auf Anfrage). Für zertifizierte Prüfungen: der BITV-Test über das BIK-Prüfnetzwerk (3.000–6.000 €).