BFSG für Online-Shops: Was Betreiber jetzt tun müssen
Auf einen Blick:
- Pflicht: Jeder B2C-Online-Shop muss seit dem 28.06.2025 barrierefrei sein. Keine Übergangsfrist für E-Commerce.
- Ausnahme: Nur Kleinstunternehmen (unter 10 Mitarbeiter und unter 2 Mio. € Umsatz) sind bei der Dienstleistung befreit.
- Kontrollen: Die Marktüberwachungsbehörde MLBF führt seit Januar 2026 aktive Prüfungen durch.
- Risiko: Bußgelder bis 100.000 €. Abmahnkosten ab 600 € pro Einzelfall, Tendenz steigend.
- Einstieg: Audit beauftragen → kritische Pfade (Checkout, Navigation) zuerst fixen → Kosten ab 2.500 €.
Warum fällt Ihr Online-Shop unter das BFSG?
Das BFSG stuft jeden Online-Shop, der Produkte oder Dienstleistungen an Verbraucher verkauft, als „Dienstleistung im elektronischen Geschäftsverkehr” ein. Dabei ist es unerheblich, was Sie verkaufen. Entscheidend ist, dass Sie an Endkunden verkaufen.
Die gesamte Customer Journey ist betroffen. Nicht nur der Kaufabschluss. Von der Produktsuche über den Warenkorb bis zur Bestellbestätigung muss jeder Schritt barrierefrei funktionieren.
Wenn Sie auch nur teilweise an Privatpersonen verkaufen: Ihr Shop fällt unter das BFSG. Bei hybriden B2B/B2C-Shops gilt das Gesetz für den gesamten Shop. Mehr zur Abgrenzung unter BFSG-Pflicht: Bin ich betroffen?.
Gilt die Kleinstunternehmen-Ausnahme für meinen Shop?
Die Befreiung greift nur, wenn Sie beide Kriterien gleichzeitig erfüllen: weniger als 10 Beschäftigte und maximal 2 Mio. € Jahresumsatz.
Achtung: Die Ausnahme gilt nur für die Dienstleistung „Online-Shop”. Wenn Sie gleichzeitig BFSG-relevante Produkte herstellen oder importieren (z. B. Smartphones, E-Book-Reader, Computer), müssen diese Produkte trotzdem barrierefrei sein.
Wenn Sie knapp unter der Grenze liegen: Dokumentieren Sie Ihren Status sorgfältig. Die Beweislast liegt bei Ihnen, falls die Behörde prüft.
Wo entstehen die meisten Barrieren?
Vier Bereiche verursachen in Online-Shops die häufigsten Probleme:
Checkout und Zahlungsformulare
Der kritischste Punkt. Wenn ein Screenreader den Warenkorbinhalt nicht vorlesen kann oder Fehlermeldungen nur durch rote Farbe markiert werden, bricht der Kauf ab. Alle Formularfelder brauchen klare Labels, nicht nur Platzhalter-Text.
Zahlungs-Gateways (PayPal, Stripe, Klarna) müssen so eingebunden sein, dass der Nutzer nicht in einer Tastaturfalle steckenbleibt. Der Fokus muss flüssig vom Shop zum Zahlungsanbieter und zurück geführt werden.
Filterfunktionen und Suche
Filter für Größe, Farbe oder Preis sind oft nur mit der Maus bedienbar. Das BFSG verlangt, dass diese auch per Tastatur (Tab-Taste) gesetzt und entfernt werden können.
Wenn sich Suchergebnisse dynamisch aktualisieren (AJAX): Der Screenreader muss darüber informiert werden. Ohne diese Ankündigung weiß ein blinder Nutzer nicht, dass sich etwas geändert hat.
Produktbilder und Alt-Texte
Jedes informative Produktbild braucht einen beschreibenden Alt-Text. „IMG_4523.jpg” reicht nicht. Sinnvoll: „Dunkelblaues Herrenhemd aus Bio-Baumwolle, Slim-Fit, Stehkragen.”
Unsere Empfehlung: Beginnen Sie mit Ihren 20 meistverkauften Produkten. Bei großen Katalogen können KI-gestützte Tools die Erstbefüllung beschleunigen, aber eine manuelle Qualitätskontrolle bleibt Pflicht.
Navigation und Menüführung
Die komplette Navigation muss per Tastatur erreichbar sein. Mega-Menüs, Flyout-Menüs und modale Fenster sind häufige Problemstellen: Der Fokus springt unkontrolliert oder lässt sich nicht zurückführen.
Plattform-Check: Wie steht Ihr Shopsystem da?
| Shopsystem | Barrierefreiheits-Status | Handlungsbedarf |
|---|---|---|
| Shopify | Gute Basis, viele OS-2.0-Themes bereits barrierearm | Apps + manuelle Theme-Anpassungen (Liquid) nötig |
| WooCommerce | Stark abhängig von Theme und Plugins | Barrierefreies Theme wählen, jedes Plugin prüfen |
| Shopware | Version 6.7 hat viele Features direkt im Kern | Update auf 6.7 ist oft der schnellste Weg |
| Magento | Standard-Frontend (Luma) veraltet, viele WCAG-Verstöße | Hyvä-Theme als moderne, barrierefreie Alternative |
Welcher Weg passt zu Ihrer Situation?
Wenn Sie Shopify nutzen: Die Plattform liefert eine solide Grundlage. Prüfen Sie Ihr Theme auf Tastaturnavigation und Fokus-Management im Warenkorb. Overlay-Apps sind kein Ersatz für strukturelle Anpassungen.
Wenn Sie WooCommerce nutzen: Hier liegt das größte Risiko in der Plugin-Fragmentierung. Jedes installierte Plugin kann neue Barrieren erzeugen. Besonders Page-Builder wie Elementor oder Divi produzieren oft nicht-semantischen Code. Mehr dazu unter WordPress & BFSG.
Wenn Sie Shopware nutzen: Ein Update auf Version 6.7 aktiviert die meisten Barrierefreiheits-Features automatisch. Wer noch auf 6.6 arbeitet, kann einzelne Funktionen über Feature-Flags freischalten.
Wenn Sie Magento nutzen: Ohne das Hyvä-Theme ist der Aufwand erheblich. Luma bringt zu viele strukturelle WCAG-Probleme mit. Planen Sie ein Theme-Upgrade ein, wenn Sie auf Magento bleiben.
Bußgelder und Abmahnungen: Das Risiko ist konkret
Seit Januar 2026 ist die Schonfrist vorbei. Die Marktüberwachungsbehörde MLBF in Magdeburg führt aktive Kontrollen durch, teils stichprobenartig, teils auf Hinweise von Verbrauchern oder Verbänden.
| Risiko | Konsequenz |
|---|---|
| Behördliches Bußgeld | Bis 100.000 € |
| Vertriebsstopp | Shop kann vorübergehend stillgelegt werden |
| Einfache Abmahnung | Ab ca. 600 € (oft pauschal, formfehlerhaft) |
| Qualifizierte Abmahnung | Ca. 2.700 € (mit Prüfbericht, Streitwert 50.000 €) |
Zur aktuellen Lage: Seit Sommer 2025 verschickt eine Kanzlei massenhaft Abmahnungen gegen Online-Shops. Die Rechtmäßigkeit ist umstritten, da oft kein echtes Wettbewerbsverhältnis besteht und konkrete Mängel nicht benannt werden. Trotzdem: Ignorieren sollten Sie eine Abmahnung nicht. Details und Handlungsempfehlungen unter BFSG-Abmahnung: Was tun?.
Unsere Empfehlung: Investieren Sie in Konformität statt in Rechtsanwälte. Ein Audit plus die kritischsten Fixes kosten 2.000–5.000 €. Eine einzige qualifizierte Abmahnung kann teurer werden.
In drei Schritten zur BFSG-Konformität
Schritt 1: Audit beauftragen. Automatisierte Tools (WAVE, Lighthouse) decken nur 30–40 % der Barrieren auf. Ein Experten-Audit mit manueller Prüfung zeigt, wo Ihr Shop wirklich steht. Was ein Audit kostet →
Schritt 2: Kritische Pfade zuerst. Priorisieren Sie: Checkout → Navigation und Suche → Produktdetailseiten. Damit ist der Kaufpfad abgesichert, bevor Sie sich um Sekundärseiten kümmern.
Schritt 3: Barrierefreiheitserklärung veröffentlichen. Das BFSG verlangt eine öffentlich zugängliche Erklärung, die beschreibt, wie Ihr Shop die Barrierefreiheitsanforderungen erfüllt. Dazu gehört ein Feedback-Mechanismus, über den Nutzer Probleme melden können. Diese Transparenz kann bei einer behördlichen Prüfung strafmildernd wirken.
Häufige Fragen
Reicht ein Barrierefreiheits-Widget oder Overlay aus?
Nein. Widgets können einzelne Komfortfunktionen bieten (z. B. Kontrastumschalter), aber sie beheben keine strukturellen Mängel im Code. Fehlende Alt-Texte, nicht-navigierbare Formulare oder falsche Fokus-Reihenfolgen bleiben bestehen. Die Marktüberwachungsbehörden und Fachleute stufen reine Overlay-Lösungen als nicht BFSG-konform ein.
Gilt das BFSG auch für reine B2B-Shops?
Grundsätzlich nicht. Das Gesetz richtet sich an Dienstleistungen gegenüber Verbrauchern. Aber: Sobald Ihr Shop auch Bereiche hat, die Privatpersonen nutzen können (Karriereseite, öffentlicher Support, Stellenanzeigen), greift die Pflicht. Viele B2B-Unternehmen setzen die Vorgaben dennoch um, weil Einkäufer von verpflichteten Unternehmen Barrierefreiheit zunehmend als Compliance-Kriterium fordern.
Brauche ich eine Barrierefreiheitserklärung für meinen Shop?
Ja. Das BFSG verlangt eine öffentlich zugängliche Erklärung mit Angaben zur zuständigen Marktüberwachungsbehörde, einer Beschreibung, wie Ihr Shop die Anforderungen erfüllt, und einem Feedback-Mechanismus für Nutzer. Was genau rein muss, steht im Ratgeber Barrierefreiheitserklärung erstellen.
Was passiert, wenn ich eine BFSG-Abmahnung erhalte?
Nicht zahlen, nicht ignorieren. Lassen Sie die Abmahnung von einem Fachanwalt prüfen. Viele der aktuell kursierenden Abmahnungen sind formfehlerhaft oder stammen von Absendern ohne echtes Wettbewerbsverhältnis. Gleichzeitig sollten Sie die Gelegenheit nutzen, Ihren Shop tatsächlich auf Barrierefreiheit zu prüfen. Mehr dazu unter BFSG-Abmahnung: Was tun?.